GUTEN TAG

 

auf dieser Seite finden Sie eine wechselnde Auswahl an Arbeiten aus den Sparten Malerei, Zeichnung, Illustration und Installation und aus verschiedensten Schaffensperioden. Work in progress!

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Joachim Holz

 

Freie Arbeiten

Malerei

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FÜRCHTET EUCH NICHT!

 

Im Luftraum über uns gibt es – neben Vögeln und Insekten – unsichtbare Wesen. Man trifft diese luftigen Phänomene in allen Kulturkreisen. Wir haben von ihnen gehört, wir haben von ihnen gelesen, und einige von uns haben ihre sinnliche Gegenwart in kurzen Augenblicken erlebt. Alle wissen, daß es sie gibt. Die übernatürlichen Wesen der Luft sind im Bewußtsein des Menschen wirklich zugegen. Also haben sie Existenz. Ihnen sichtbare Existenz zu verleihen, hat sich zunächst die Bildkunst bemüht. Erzengel in ihrer machtvoll-männlichen Erscheinung: Michael, dux angelorum, als Diener der Herrlichkeitsoffenbarung Gottes im Himmel und auf Erden, der Seelenwäger des jüngsten Gerichts, und seine Brüder Gabriel und Raphael, die Boten und schützenden Begleiter. Ihr Erscheinen muß furchterregend gewesen sein.

»Fürchtet Euch nicht« ruft Gabriel schon von weitem. Und Elisabeth und Maria, die Hirten und Weisen erschrecken zutiefst. Nur Jakob überwindet seine Furcht und ringt mit des Herren Engel. Fürchterlicher noch sind Johannis Visionen von den himmlichen Heerscharen: die sieben posaunenblasenden Engel um Gottes Thron, die vier Engel am Fluß Eufrat, die, wenn der Tag kommt, jeden Dritten der Menschheit töten werden, den drachentötenden Michael, denen Dürer in seinen Holzschnitten 1498 furchterregende Bilder verliehen hat, damals, als ein Jahrhundert, ein halbes Jahrtausend zu Ende ging. Den Bericht vom Sturz des Luzifer, des lichtbringenden Engels, der im Prometheus der Antike seinen Bruder hat, bekommen wir gleich in der Schöpfungsgeschichte, der die Doppelheit von Hell und Dunkel, guten und bösen Kräften festschreibt. Zwischen diese Kräfte ist die menschliche Existenz eingespannt. Die Engel des Lichts und die der Finsternis kämpfen um unsere Seelen, und das mag uns einen kurzen Augenblick schmeicheln. Daß aber der Ausgang der Sache ganz und gar nicht sicher ist, versetzt uns in lebenslange Furcht. »Fürchtet Euch nicht« sagen sie, und haben nicht nur Segenswünsche auf Lippen und Spruchbändern, sondern Schwert und Lanze zur Hand.

 

 

Ob Erzengel wohl Flügel haben? Nicht notwendigerweise, denn sie können auch ohne Flügel fliegen. Die Abbildung von Erzengeln in Altarbildern, Fresken oder illuminierten Büchern zeigt sie allerdings meist mit enormen Schwingen. Und die gewaltig großen Cherubim und Seraphim haben per Definition Flügel, die ihren mächtigen Leib decken können und fünf Meter groß sind. Und andererseits ist da eine künstlerische Tradition, denn in der griechisch-römischen Ikonologie war es obligatorisch, daß Abgesandte der Götter mit Schwanenflügeln versehen waren. Das galt für Nike, die Siegesmelderin, das galt für Aphrodites Boten Amor, und die geflügelte Victoria schmückte den Triumpfwagen des Kaisers. In verkleinerter Form sind sie uns heute noch vertraut als Amoretten oder Putti, nackt, fett, rosig und mit Libellen- oder Vogelflügeln.

 

Aber in unserer Vorstellung haben gute Engel Flügel, ohne Zweifel: »Breit aus die Flügel beide« lautet die fromme Bitte zur Nacht. »Will Satan uns verschlingen, so laß die Englein singen …« schließt sie. »Abends, wenn ich schlafen geh, vierzehn Engel um mich seh«, singen die Kinder in Humperdincks Oper und die Bilder der Schutzengel haben kein Ende.

In Öldrucken, bescheiden eingerahmt, schmückten sie Schlafkammern und Kinderzimmer. Und gerade diese Bilder prägten die Vorstellung von Generationen. Fragen wir, welche Assoziationen der Begriff Engel heute auslöst, bekommen wir den Blauen Engel, die Engel in und über Berlin, gefallene Engel. Vielleicht auch Paul Klees Engel, von dem sich Walter Benjamin anregen ließ. Aus einem gewaltigen Cherub ist ein anziehend-androgyner Cherubino geworden. Aber immer noch gibt es Todes- und Würgeengel, eindrücklich und in schwarzer Motorradmontur in Cocteaus Film »Orphée«. Künstler müssen also her, die Holy Air Force wieder auf die Flügel zu bringen.

 

Thomas Bullinger